Nach Namis Tod: Neue Orca-Fänge geplant?

16. Jan 2011

Nami

Nami verlor bereits Ende Dezember 2010 den Appetit. Am 14 Januar ist das einsame Orcaweibchen im Port of Nagoya Public Aquarium schliesslich krank und entkräftet gestorben, nachdem es rund 300 Kilo an Gewicht verlor. Als vorläufige Todesursache gelten – wie so oft – Magengeschwüre. Erst am 19. Juni 2010 war Nami vom Whale Museum in Taiji nach Nagoya verlegt worden.

Damit lebt in Japan kein Schwertwal mehr, der in japanischen Gewässern gefangen wurde. Nami war 1985 in Taiji gefangen worden, dem für seine blutigen Delfin-Abschlachtungen berüchtigten Fischerdorf an der Südspitze von Japans Hauptinsel Honshu. Das Tier ist schätzungsweise 28-29 Jahre alt geworden. Nach ihrem Fang lebte Nami 25 Jahre lang im Walmuseum von Taiji.

Im Dezember hatte das Aquarium von Nagoya angekündigt, das Orcamännchen Bingo und Orcaweibchen Stella von Kamogawa SeaWorld, Japan, nach Nagoya zu transportieren. Ziel war vor allem, Nami mit Bingo zu paaren. Orcas sind schwimmende Goldminen für den Lebendhandel unter Delfinarien. Taiji hatte Nami für über 5 Millionen Dollar nach Nagoya verkauft.

Namis Umzug ist zum Desaster geworden. Des Geldes wegen haben die skrupellosen Delfin-Dealer dem Orca diesen stressvollen Umzug über hunderte von Kilometern nach Nagoya zugemutet. Dies obschon bekannt ist, dass der Fang und auch der Umzug solcher Tiere die Lebenserwartung auf einen Bruchteil reduziert. In der Folge gibt es nun weder in Taiji noch in Nagoya Schwertwale in Gefangenschaft.

Entsprechend sind in Japan bereits Gerüchte und Rufe nach neuen Lebendfängen von Orcas laut geworden. Denn «kaputte Ware» ruft nach Ersatz, wenn man  zynischer Marktlogik folgt. So hatte Kazutaka Sangen, Bürgermeister von Taiji, bereits 2009 angekündigt, weitere Schwertwale fangen zu wollen. Für den «einheimischen Markt», aber auch zum Verkauf nach China, «im Dienste der Forschung und verbesserter Beziehungen», wie Sangen es ausdrückte.

Laut bisher unbestätigten Angaben bemüht sich die Gemeindeverwaltung von Taiji derzeit intensiv, eine Fanglizenz für Orcas zu erhalten. Auch in japanischen Gewässern dürfen nicht alle Meeressäuger bejagt werden. Unter Schutz stehen unter anderem die Orcas. Es ist aber davon auszugehen, dass Taiji eine Ausnahmegenehmigung wird erwirken können.

Für diesen Fall hoffen die Delfinjäger, schon im Sommer eine Schule von Orcas in die berüchtigte Bucht von Taiji hetzen zu können. Denn bereits am 1. September 2011 beginnt die neue Delfinjagd-Saison. Dann werden wieder die Aktivisten gegen die Delfinjagd und damit verbunden die Medien in Taiji auftauchen. Bis dahin hätte man eine Schwertwal-Hetzjagd gerne ohne grosses Aufhebens erledigt.

(Zum Bild: eigene Aufnahme von Nami in Taiji, Oktober 2008)

 

Hintergrundinformationen:

Am 9. Februar 1997 machen die Delfinjäger von Taiji den Fang ihres Lebens. Sie jagen mit ihrer «Lärmmauer» zehn Orcas in die Hatajiri-Bucht bei Taiji. Die bis sieben Meter langen Tiere sind so groß, dass sie regelrecht stranden. Auch sie wehren sich nicht aktiv gegen Menschen. Das nützen ihre Peiniger schamlos aus. Fünf Orcas werden zum Verkauf in Aquaparks bestimmt – für 250’000 Dollar pro Wal.

Die fünf zurückbleibenden Artgenossen der äußerst sozialen Tiere wollen ihre Angehörigen nicht verlassen – bis die Delfinfänger sie mit roher Gewalt aus der Bucht treiben. Ein Tier blutet, und einem Jungen geht es sehr schlecht. Niemand weiß, ob es das Kalb eines der gefangenen Orca-Weibchen ist. Und niemand weiß, was mit den fünf weggejagten Tieren dann geschah.

Sicher ist, dass keiner der fünf in Gefangenschaft verbrachten Schwertwale heute mehr lebt. Das Taiji Whale Museum behielt «Ku», ein 4,5 Meter langes Weibchen. Bis 2003 war es mit «Nami» im selben Becken. Doch die traumatisierte und dadurch verhaltensgestörte «Nami» vertrug sich schlecht mit «Ku», die im Oktober 2003 ins Aquarium von Nagoya verlegt wurde. Hier musste sie ihr Dasein ebenfalls völlig allein fristen, bis sie am 19. September 2008 starb – an einer Herpes-Infektion.

Auf den Tag genau ein Jahr zuvor war das Weibchen «Asuka» im Izu-Mito Sea Paradise gestorben. Die übrigen drei Schwertwale waren in die Nanki Shirahama Adventure World verkauft worden, zwei Männchen und ein Weibchen. Zwei Monate nach dem Fang erlitt das Weibchen, welches bereits beim Fang trächtig gewesen war, im April 1997 eine Fehlgeburt. Am 14. Juni 1997 starb das eine Männchen und nur drei Tage später das Weibchen. Das dritte Tier starb am 18. September 2004.

Die durchschnittliche Lebenserwartung von Orcas in der freien Wildbahn liegt bei mindestens 35 Jahren. Die Tiere können auch bis zu 80 Jahre alt werden. Elf Jahre nach dem Fang von 1997 in Taiji aber lebte bereits keines der fünf gefangenen Tiere mehr. Nami selber war etwa drei Jahre alt, als sie im Oktober 1985 in die Hatajiri-Bucht von Taiji gejagt wurde. Ab 1954 hatten die Delfinjäger in Taiji rund 1200 Schwertwale abgeschlachtet, bis sie unter Schutz gestellt wurden. Heute müssen weltweit rund 40 Orcas ein trauriges Dasein in Gefangenschaft fristen.

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