Der davon kommt

23. Jan 2011

Rissos'

„Ich werde mich nie daran gewöhnen.“ Yokos* Blick geht in die Ferne. Ihre feinen Gesichtszüge zeigen wenig Regung; aber in den Augen der Japanerin ist die Traurigkeit unübersehbar. Ich nicke und schlucke leer. Aus der Tiefe unter unserem Beobachtungshügel ist das Schlagen von Delfinfluken zu vernehmen. Wüste Männerrufe übertönen die grausigen Geräusche im Wasser. Wir wissen, was hier einmal mehr passiert. Die Brutalität, die wir hier mit ansehen mussten und die wir in den letzten Tagen und Wochen dokumentieren konnten, hat meine schlimmsten Befürchtungen noch übertroffen.

Heute sind wieder einmal Rundkopfdelfine an der Reihe. Ein Dutzend haben die Jäger nach einer sehr langen Treibjagd in die Bucht getrieben. Immer wieder entkamen die Tiere. Und ausserhalb des Hafens von Taiji teilte sich die Delfinschule von rund 20 Tieren plötzlich auf. Etwa acht Delfine lassen sich einfach nicht einfangen. Die restlichen werden in ihr Verderben getrieben. Yoko steht noch immer still da, ohnmächtig Anteil nehmend. Ich kämpfe selber mit den Emotionen.

Trauer und Hoffnung. Trauer um die sterbenden, friedfertigen, sanften Rundkopfdelfine. Hoffnung angesichts der Tatsache, dass Yoko eine neue aufkeimende Bewegung von japanischen Menschen innerhalb von Japan verkörpert. Menschen, die bereit sind, verdeckt zu arbeiten oder sogar offen aufzutreten gegen die anachronistische Barbarei der Delfinjagd. Sie wird ein Ende haben.

Rundkopfdelfine sind zu schwer, als dass sie in Boote gezerrt werden könnten. Ein Jagdboot schleppt die getöteten Tiere aussenbords an Leinen festgemacht und mit grünen Planen abgedeckt durchs Wasser in den Hafen von Taiji. Auch hier haben sich die Schlächter mittlerweile gegen ungebetene Foto- und Filmaufnahmen gewappnet. Der treppenartige Schacht, über welchen die toten Delfine auf die Mole und ins Schlachthaus gehievt werden, ist mit einer kastenförmigen Konstruktion völlig abgedeckt. Dahinter führt eine Art „Gangway“ aus blauen Planen direkt ins Schlachthaus hinein. So viel zum „Stolz“, mit welchem hier die „Kultur“, die „Tradition“ und das „Erbe“ der Delfinjagd betrieben werden…

Dann fällt mir fast die Kamera aus der Hand. Im Hafenbecken schwimmt ein überlebender Rundkopfdelfin! Er muss der Gruppe angehören, welche sich nicht einfangen liess und mittlerweile das Weite gesucht hat. Offenbar hat sich das Tier versehentlich in den Hafen verirrt und ist nun allein zurückgeblieben. Immer wieder taucht sein Rücken mit der für Rundkopfdelfine unverkennbaren Zeichnung und Finne auf. Er kreist bei den gegenüber im Hafen gelegenen Delfingehegen und macht keinerlei Anstalten, über die Hafenausfahrt in den offenen Pazifik zu verschwinden.

Bestürzt bleiben wir da und wollen sehen, was geschehen wird. An verschiedenen öffentlich zugänglichen Stellen am Hafen beziehen wir Position. Es dauert nicht sehr lange, bis die Boote der Delfinjäger mit ihren Netzen kommen. Sie haben ein leichtes Spiel, den verwirrten, verängstigten Delfin mit einem Netz einzukreisen. Weil das soziale Tier Rufe von Artgenossen hört, weicht es nicht von den Delfingehegen. Der Netzring zieht sich immer enger und schliesslich zerren die Jäger den Rundkopfdelfin aus dem Wasser. Sie legen ihn in eine Art Bahre für Lebend-Transporte. Wohin werden sie ihn nun bringen? In die Gehege? Zum Delphinarium? Ins Schlachthaus? Wir warten angstvoll.

Das Boot mit der „Bahre“ auf der von uns abgewandten Seite fährt an uns vorbei – aus dem Hafen hinaus. Der Kurs bleibt Bug voraus. Also nicht links in Richtung Walmuseum, sondern hinaus aufs offene Meer. Wir fahren zu unserem Aussichtspunkt hinaus. Etwa eine Seemeile draussen entlassen die Jäger das Tier schliesslich lebendig ins Meer und kehren zurück. Wenigstens ein Delfin hat heute sein Leben zurück, gemeinsam mit jenen, die schon vorher entkamen. Hätten wir nicht als Zeugen im Hafen gestanden, wäre der Delfin abgeschlachtet worden. Davon bin ich überzeugt. Hoffentlich findet er bald zu Artgenossen. Und warnt sie: Die Gewässer vor Taiji sind lebensgefährlich. Fast an jedem Tag.

* Name geändert

Die Bilder zeigen den im Hafen von Taiji schwimmenden wilden Rundkopfdelfin während und nach dem Einfangen durch die Delfinjäger.

Bilder mit freundlicher Genehmigung von:
- Fritz Wong (Hong Kong) - Delfinrücken
- Leah Lemieux (Kanada) - Delfin in "Bahre"

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