Horror und Hoffnung - Die Färöer Inseln

16. Jun 2011

Färöer Flagge

Das beste Wetter in drei Jahren, die gastfreundlichsten Menschen, die man sich vorstellen kann. Die bizarrsten Kontraste zwischen Schrecken und Schönheit, zwischen Horror und Hoffnung. Das sind kurz gesagt einige der Eindrücke, die wir von den Färöer Inseln nach Hause gebracht haben.

Um es vorweg zu nehmen: Wir sind nicht Zeugen einer Grindwal-Jagd geworden. Und wir sind nicht unglücklich darüber, nach allem, was wir im Winter in Japan ansehen mussten. Wir, das sind Leah Lemieux, kanadische Autorin und Delfinexpertin, und ich. Zwar wären wir genau dazu da und bereit gewesen, die Treibjagd zu dokumentieren, hätte denn eine stattgefunden. Doch jeder Tag ohne Treibjagd ist ein guter Tag für die Grindwale und andere Delfinarten rund um die Färöer Inseln.

So hat sich denn unsere Reise recht angenehm gestaltet. Die grünen Inseln im hohen Nordatlantik zwischen Schottland und Island gelegen, sind wunderschön. Wir hatten unglaubliches Wetterglück, gemäss der Lokalbevölkerung mit dem besten Wetter seit drei Jahren. In einem Gebiet, wo sich ansonsten Regen, Nebel, Wolken und Stürme abwechseln, erwischten wir zwei sonnige und mehrere fast trockene Tage.

Die Färingr sind extrem gastfreundlich. Das haben wir immer wieder erlebt. Selbst die Grindwaljäger, ja eigentlich unsere "Feinde", haben uns die Türen geöffnet, sind Stunden Auto gefahren, nur um unserer Bitte um ein Gespräch nachzukommen, haben uns zugehört und uns - teilweise auch durchaus selbstkritisch - ihre Standpunkte erklärt. Das wissen wir sehr zu schätzen, auch wenn dieser Umstand unser Entsetzen über die Grindwaljagd nicht im Geringsten mildert.

Im Gegenteil: gerade der Umstand, dass die Menschen so freundlich, zivilisiert, entspannt und zugänglich wirken, macht den Kontrast umso unfassbarer. Wenn die Grindwale in eine Bucht getrieben werden, entfesselt dies in den Färingern - jedenfalls in vielen von ihnen - einen Adrenalinschub, ein Jagdfieber, das sie zu Tötungsmaschinen macht. Dann sind sie dermassen von sich selber entfernt, dass sie nicht einmal den eigenen Schmerz fühlen.

So wurde uns ein Fall beschrieben, wo durch einen Fanghaken, der mit wuchtigem Ruck unvermittelt aus einem dadurch fixierten Grindwal sprang, einem Mann der Zeigefinger abgerissen wurde. Dieser merkte in seinem - hm - Blutrausch - nichts davon, bis er darauf aufmerksam gemacht wurde. Andere berichteten uns, dass sie fast alles um sich herum vergessen, die Kleider in der Hast wild um sich verstreut liegen lassen, um zu einer Tötungsbucht zu rennen, oder die Kälte nicht spüren, wenn sie zwei Stunden im 9 Grad kalten Wasser stehen.

Ich könnte lachen und schreien gleichzeitig, wenn ich solches höre. Während ich viele Menschen vor Rührung habe in Tränen ausbrechen sehen, wenn sie zum ersten Mal in freier Natur einem Wal oder Delfin begegnen, werden "die Färinger" offensichtlich ganz anders "berührt", wenn Ihnen Grindwale verhängnisvoll nahe kommen. Begründet und entschuldigt wird das Jagdfieber mit "Jahrhunderte alter Tradition" und "Kultur". Erinnert irgendwie an Taiji, Japan...

Doch da ist zum Glück auch die Hoffnung. Viele Einheimische, mit denen wir gesprochen haben, sind überzeugt, dass die Zahl der Grindwaljagden kontinuiertlich gegen Null hin abnehmen wird in den kommenden Jahren, weil mit den älteren Menschen allmählich das Wissen über die Treibjagd verloren geht und die meisten jüngeren Menschen sich offensichtlich nurmehr wenig für dieses grausame "Brauchtum" interessieren.

Zudem gibt es auch auf den Färöern eine noch kleine, aber wachsende Bewegung, die sich offen gegen die "Grindadrap", die Treibjagd, ausspricht. Wenig Erfolg bringen unserer Meinung nach aggressiv-konfrontative Strategien von extremeren Tier- und Artenschutzorganisationen, auch wenn diese gut gemeint sind und andernorts teilweise Wirkung zeigen mögen. Hier könnten sie sogar das Gegenteil erreichen: eine sture Gegenreaktion der Einheimischen, die sich dann solidarisieren und sagen mögen: "Jetzt hören wir erst recht nicht auf".

Eine solche Einsicht ist natürlich tragisch. Denn es sollte ja um eine Sache gehen. Um Vernunft und Einsicht; nicht um blinwütiges Beharren. Die wirkungsvollste Strategie ist unserer Meinung nach, dass sich das Problem in den kommenden Jahren allmählich von selber erledigt, wenn man von aussen nicht zu aggressiv Aufhebens darum macht. Der Generationenwechsel und die Tatsache, dass das Grindwalfleisch hochgradig mit Quecksilber, PCB und anderen Schadstoffen belastet ist und daher gar nicht verzehrt werden sollte, werden das Ende der "Grindadrap" noch beschleunigen.

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Kommentar von Susanne | 16. Okt 2011

Ein sehr aufschlussreicher Bericht, Hans Peter. Vielen Dank dafür!

Kommentar von Hans Peter Roth | 26. Okt 2011

Merci, liebe Susanne. War eine sehr spannende Reise, mit durchaus auch hoffnungsvollen Perspektiven! Liebe Grüße, Hans Peter