Whalewatching

Leseprobe

Izumi Ishii aber kam 2002 eine geniale Idee: Er hatte immer noch sein Boot und er verfügte nach rund 30 Jahren Erfahrung als Delfinjäger über ausgezeichnete Kenntnisse im Aufspüren der Meeressäuger. Ideale Voraussetzungen um mit zahlenden Gästen auf Wal- und Delfinbeobachtung zu gehen! Sein Konzept funktionierte auf Anhieb. Fischer und Delfinjäger, die ihn deswegen zunächst belächelten, begannen sich bald zu wundern. Heute fahren rund 2000 Gäste pro Jahr mit dem ehemaligen Jäger aufs Meer hinaus, um die Meeressäuger mit Kamera und Fernglas zu jagen, für umgerechnet 30 Euro pro Kopf und Ausfahrt. Zweifellos eine wichtige Einnahmequelle für Ishii, der mittlerweile im Dorf wieder akzeptiert und respektiert wird. Dazu kommen neue Einnahmen durch viele zusätzliche Übernachtungen und weitere Einkünfte.

Aufmerksam geworden auf seinen Erfolg, suchen ihn mittlerweile immer wieder andere Delfinjäger auf, um ihn zu fragen, wie er das macht. Tatsächlich hat Ishii bisweilen so viele Kunden, dass zunehmend auch andere Fischer vom Angebot des «Dolphin Watching» profitieren.

Der Mann im roten T-Shirt wirft ein gewinnendes Lächeln in die Runde. «Genug gesprochen!» Auf dem Weg zur kohkai-maru, seinem schönen und wendigen Jagdboot, gehen wir nochmals mitten durch den «Schlachthof» hindurch, wo noch vor zehn Jahren Delfine noch lebendig verbluteten. Es ist wieder einer dieser Momente, wo mir fast schwindlig wird – aber diesmal aufgrund eines unbeschreiblichen machtvollen Gefühls der Hoffnung. «Und die Dinge ändern sich doch!», jubelt es in mir. Izumi Ishii zieht die kohkai-maru – was etwa so viel heißt wie «Ozean-Lichtschiff» – an einer Trosse zum Steg. Was für ein schöner Name. «Alle an Bord!», ruft Ishii nicht ohne Stolz. Und wir stechen von Futo aus in See, zur Delfinjagd mit Fernglas und Kamera.

Ich kann eine Träne kaum unterdrücken, als wir in den bewegten Sonnenglanz des Pazifiks hineinfahren und ich vom Bug zurückblicke zur Kabine. Da stehen sie also nebeneinander, mit Mütze, Sonnenbrille und unbewegtem Gesicht. Sie könnten unterschiedlicher kaum sein, und doch gleichen sie sich. Ric O’Barry und Izumi Ishii – die beiden ehemaligen Delfinfänger.

Die See ist recht rau und vier Beaufort Wind machen die Sichtung von Meeressäugern auch nicht gerade einfacher. Eigentlich rechnet heute niemand wirklich mit Sichtungen. Egal. Die Ausfahrt ist wunderschön. «Delfine sind wilde Tiere», erklärt Izumi Ishii auf japanisch und Kyoko übersetzt tapfer auf Englisch, obschon ihr Magen wegen des Wellengangs rebelliert. «Wir können nicht steuern, ob und wann sie auftauchen, und ob sie zum Boot kommen, um in der Bugwelle zu schwimmen, oder nicht. Zu meinen, man könne ihnen in freier Wildbahn immer gleich nach Wunsch begegnen wie in einem Delfinarium, gehört leider zur arroganten Vorstellung vieler Menschen.»

Wir kehren zurück in den Hafen von Futo und sind auch ohne Sichtung alle glücklich, als hätten uns während der Fahrt ganze Schulen von springenden Delfinen begleitet. Yoshi und Saori versichern mir, dass sie mit Izumi hier schon fantastische Wal- und Delfinbeobachtungen gefilmt und fotografiert haben. «Weißt du noch, damals, als wir Streifendelfine sahen, ziemlich nahe am Boot?» Saori blickt zu Yoshi und dieser nickt strahlend zurück. «Oh ja! Und dann tauchte ein riesiger Pottwal auf, mehr als zehn Meter lang! Direkt neben den Delfinen!» – «So etwas habe ich noch nie gesehen», ergänzt Saori. «Und alle an Bord haben applaudiert und gejubelt.»