Grosser Zeitungsartikel: Den Delfinjägern auf den Fersen

01. Dez 2011

Thuner Tagblatt

Den Delfinjägern auf den Fersen

Die Jagd auf Delfine und Kleinwale in Japan nimmt deutlich ab. Die Zahlen aber sind noch immer erschreckend. Mit Unterstützung der Schweizer Organisation Ocean-Care war der Oberländer Autor und TT-Journalist Hans Peter Roth erneut im Einsatz.

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Er kam, sah – und kaufte. Ady Gil hat in Los Angeles ein Millionenvermögen gemacht mit dem Verkauf von Hightechausrüstung im TV-Bereich. Jetzt hat der ausgewanderte Israeli seine Firma verkauft, um sich vollzeitlich für den Tierschutz einzusetzen. Wie aus dem Nichts war er aufgetaucht in Taiji, dem letzten Fischerdorf in Japan, das noch die berüchtigten, durch den Film «Die Bucht» weltbekannt gewordenen Delfintreibjagden duldet. Plötzlich stand er eines Morgens neben mir, als wir von einem Aussichtspunkt aus erleichtert sahen, dass die Delfinjagdboote unverrichteter Dinge in den Hafen zurückkehrten. Ich fragte, und er erzählte. Ady Gil ist in Japan ein «rotes Tuch», nachdem er der in Japan verhassten Walschutzorganisation Sea Shepherd für eine Million Dollar ein hochmodernes Schnellboot im Kampf gegen Japans antarktischen Walfang geschenkt hatte. Dieses wurde 2010 vor der Antarktis durch einen japanischen Walfänger gerammt und sank später unter mysteriösen Umständen. Doch dies ist eine lange, komplexe Geschichte, und seither will Ady Gil jedenfalls nichts mehr mit Sea Shepherd zu tun haben.

Delfinjagd beobachten

Er kam, sah und hat im Nachbardorf von Taiji eine kleine Motorjacht gekauft – um damit Delfine zu beobachten. Bei Tagesanbruch am nächsten Morgen helfe ich Leinen losmachen. Das Meer ist ruhig, und über Funk hat uns ein Freund mitgeteilt, dass die Delfinjäger mit ihren Booten gerade aus dem Hafen von Taiji auslaufen. Dann sind wir draussen. Was für ein zwiespältiges Gefühl; was für eine Perspektive. Wir werden nicht Delfine, sondern auf offenem Meer die Delfinjagd beobachten. Und die japanische Küstenwache weiss das. Bald schneidet uns ein graues, bewaffnetes Schiff den Weg. «Keine Annäherung an die Jagdboote auf weniger als zwei Seemeilen», lautet die Aufforderung. Ady Gil ist empört. «Dafür gibt es keine rechtliche Grundlage!» Doch er hält sich an die Vorgabe. Etwas später kehren die Delfinjäger zu unserer Freude erneut ohne Beute in den Hafen zurück, nachdem ihnen eine Delfinschule entwischt ist. Da ergreift Gil die Gelegenheit beim Schopf und fährt auf das Schiff der Küstenwache zu, das uns folgt. «Wir wollen in die Hatajiri-Bucht von Taiji fahren!», übermittelt eine japanische Übersetzerin sein Anliegen an die Küstenwache. Die Antwort folgt umgehend und verblüfft uns: «Ist in Ordnung.»

Weniger Opfer

Zwanzig Minuten später dümpeln wir in der Todesbucht von Taiji, da, wo schon Zehntausende Delfine sterben mussten. Da, wo zynische Delfinhändler jeweils die schönsten Tiere für den äusserst lukrativen Lebendverkauf in Delfinarien auslesen, bevor ihre Artgenossen allesamt abgeschlachtet werden. Das flaue Gefühl im Magen hat nichts mit Seekrankheit zu tun. Wir fotografieren und filmen. Alles legal, aber unter den Argusaugen von drei Polizeigrenadieren auf einem Schlauchboot und von weiteren Beamten an Land. Das Polizeiaufgebot ist enorm. Die Stimmung schwankt zwischen Beklemmung und Hoffnung, als wir zum Ausgangshafen zurückfahren. Wir wissen: Die Delfinjagd wird enden. Und wir tragen dazu bei, indem wir das buchstäbliche Treiben öffentlich machen. Aber bis dahin dauert es leider noch. Wieder wurden wir Zeugen schrecklicher Jagden, mussten ohnmächtig zuschauen, wie die Jäger selbst Delfinbabys und ihre Mütter töteten. Etwa zweihundert Delfine haben in den drei Monaten seit Beginn der Jagdsaison am 1. September 2011 in der Todesbucht von Taiji qualvoll ihr Leben ausgehaucht. Eine schreckliche Zahl. Und doch sind es deutlich weniger als in den Jahren zuvor. Das lässt hoffen. Wir bleiben dran.

Der Connyland-Skandal

Ein Lichtblick auf der Rückreise von Japan in die Schweiz ist der Zwischenstopp in Frankfurt und Wiesbaden. Richard O’Barry, mit dem ich gemeinsam «Die Bucht», das Buch zum gleichnamigen Film über die Delfinjagd (Oscar 2011), geschrieben habe, gewinnt am 10. November in Wiesbaden einen Bambi. Der ehemalige «Flipper»-Trainer und bekannte Delfinschützer erhält Europas wichtigsten Medienpreis für sein unermüdliches Engagement gegen die Delfinjagd und gegen die Haltung von Delfinen in Gefangenschaft. Ein unwirkliches Gefühl, an der After-Show-Party mit Ric O’Barry plötzlich unter Leuten wie Justin Bieber, Lady Gaga, Thomas Gottschalk oder Gwyneth Paltrow zu stehen. Nach der Rückkehr in die Schweiz geht es mit dem Drama um die empfindsamen Meeressäuger gleich weiter. Zwei Delfine im letzten Schweizer Delfinarium Connyland unter mysteriösen Umständen tot! Eine Klage von OceanCare, der Schweizer Organisation zum Schutz der Meeressäuger, gegen Connyland wegen Tierquälerei wurde zuvor abgewiesen. Nun überführen Medienrecherchen den zuständigen Thurgauer Staatsanwalt der Verbandelung mit den Connyland-Betreibern; die Klage wird neu aufgerollt. «Es ist sehr wichtig, dass die Öffentlichkeit den Zusammenhang zwischen der Delfintreibjagd und den Delfinarienbesuchen versteht», ist OceanCare-Präsidentin Sigrid Lüber überzeugt. «Viele meinen noch immer, ein Delfinarium sei ein Fünfsternhotel für Delfine, und können einfach nicht verstehen, weshalb die Gefangenschaft für diese hoch entwickelten Säuger ein Problem ist.»

Hans Peter Roth

Hans Peter Roth ist freier Autor aus dem Oberland. Er schreibt auch für das «Thuner Tagblatt». Gemeinsam mit dem Delfinschützer und ehemaligen «Flipper»-Trainer Richard O’Barry hat er das Buch zum oscarprämierten Film «Die Bucht» geschrieben (Delius-Klasing-Verlag 2010). Soeben ist er aus Japan zurückgekehrt.
Siehe auch www.diebucht.ch und www.oceancare.org.


OceanCare

Einsatz gegen Jagd

Skandal aufgedeckt Bereits siebenmal hat Hans Peter Roth im Einsatz gegen die Wal- und Delfinjagd Japan bereist. Diese Aktionen wären ohne die finanz- und tatkräftige Unterstützung von Ocean-Care nicht möglich. Die Schweizer Organisation zum Schutz der Meeressäuger und ihrer Lebensräume engagiert sich seit den 90er-Jahren für die Wale und Delfine in Japan. Zudem trug Ocean-Care an vorderster Front bei zur Aufdeckung des Quecksilberskandals in Japan. Dabei wird enthüllt, dass Delfinfleisch in den Handel gelangt, welches die Unbedenklichkeitswerte für den menschlichen Verzehr massiv überschreitet und bei wiederholtem Konsum zu lebensgefährlichen Vergiftungserscheinungen führen kann. hpr

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